Impressum

Filmtipp: Die Reifeprüfung

Benjamin Braddock hat das College mit vorbildlichen Noten absolviert. Ihm stehen alle Türen offen, doch statt sein Leben in die Hand zu nehmen, plagt er sich mit Zukunftsängsten. Bisher folgte er stets dem Willen der Eltern, nun dämmert ihm, dass er „anders“ leben will. Nur was für ein Leben soll das sein? In die Sinnkrise platzt Mrs. Robinson, die Ehefrau eines Geschäftspartners des Vaters. Die doppelt so alte Dame verführt den Sohn ihrer Freunde unverblümt zu einer Affäre, die den Sommer über andauert. Bis sich Ben in Elaine verliebt, die junge Tochter seiner Bettgefährtin.

 

Der Witz des Films liegt dabei weniger in der simplen Handlung als in der einprägsamen Charakterzeichnung. Mike Nichols und die Drehbuch-Autoren Calder Willingham und Buck Henry schaffen sehr nuancenreiche, glaubhafte Figuren.
Hoffman vermittelt die einschneidende Wandlung des tapsigen Jünglings mit vielen kleinen Gesten, Anne Bancroft spielt die verführerische Mrs. Robinson mit einer reizvollen Mischung aus Sachlichkeit, kühler Erotik und spöttischer Ironie. Im Vergleich zu Benjamin und Mrs. Robinson bleibt die von Katharine Ross gespielte Elaine etwas blass. Als „gutes Mädchen“ fügt sie sich den Normen, beginnt eine Beziehung mit dem glatten Karrieristen Carl und willigt auf Drängen der Mutter sogar ein, diesen zu heiraten.


Wie ein klassischer Bildungsroman (etwa Goethes „Wilhelm Meister“) stellt Die Reifeprüfung die Charakterentwicklung der jugendlichen Hauptfigur ins Zentrum und lieferte eine viel zitierte Vorlage für folgende Coming-of-Age-Filme. Die Exposition führt Benjamin als unbedarften Jungen ein, beim Finale agiert er als zupackender Kerl und beendet seinen Reifeprozess mit einem großen Knall.

 

 

Auf dem Weg dahin bilden die materialistischen Eltern den Gegenpol zur Orientierungslosigkeit des Sohns. Mit ihnen scheint eine ehrliche Kommunikation unmöglich: Fragen halten die Gespräche mühsam in Gang, Antworten verpuffen oder bleiben aus. Nach und nach verschwinden die Erwachsenen im Gegenlicht und in der Unschärfe. Nichols zeigt die amerikanische Gesellschaft Mitte der 1960er-Jahre im Umbruch, gezeichnet von Vietnamkrieg, Jugendrebellion und sexueller Revolution. Die kalifornische Oberschicht bleibt von den gegenkulturellen Ideen nicht verschont.

 

Regie: Mike Nichols
Drehbuch: Calder Willingham, Buck Henry; nach dem Roman von Charles Webb
Darsteller/innen: Dustin Hoffman, Anne Bancroft, Katharine Ross, Murray Hamilton, William Daniels, Elizabeth Wilson u.a.
Kamera: Robert Surtees
Laufzeit: 106 min, dt. Fassung, OmU
Format: Digital, Farbe, Cinemascope
Filmpreise: Oscar für die Beste Regie, fünf Golden Globes (u.a. Bester Film), Regie-Preis des New York Film Critics Circle
FSK: ab 12 Jahre
Altersempfehlung: ab 15 Jahre
Klassenstufen: ab 10. Klasse
Themen: Coming-of-Age, Generationenkonflikt, Autoritäten, Rebellion, Familie, Identität, Emanzipation, Liebe, Sexualität, Individuum (und Gesellschaft), Musik, Sinnsuche, Werte
Unterrichtsfächer: Englisch, Deutsch, Geschichte, Musik, Kunst, Politik, Sozialkunde, Ethik

 

Download Unterrichtsmaterial

Quelle: Christian Horn, Kinofenster.de